Das Museum Wiesbaden und der Nassauische Kunstverein

museum-wiesbadenZu den wichtigsten Institutionen Wiesbadens im kulturellen Bereich zählen sicherlich das Museum und der Nassauische Kunstverein, die geschichtlich eng miteinander verwoben sind. Heute hat sich der Nassauische Kunstverein (NKV) der Aufgabe verschrieben, junge, zeitgenössische und internationale Kunst einem breiten Publikum zu vermitteln. Aber welche Rolle spielte er zu Beginn seiner beinahe 170-jährigen Existenz? Um dies zu verstehen, muss zunächst die Ausgangssituation des Wiesbadener Kulturlebens zu Beginn des 19. Jahrhunderts untersucht werden. Die Quellenlage ermöglicht uns keinen lückenlosen Überblick über diese Kunstszene, sondern kann lediglich Schlaglichter auf einzelne Momente werfen.

1.    Ausgangslage: Kultur in Wiesbaden im 19. Jahrhundert

Die bildende Kunst hatte keinen leichten Start in Wiesbaden. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts hatte im neu gegründeten Herzogtum Nassau zunächst die Architektur den höchsten Stellenwert, da mit dem Ausbau der Stadt zur Residenzstadt und dem damit verbundenen Bevölkerungszuwachs eine Erhöhung der Gebäudeanzahl erforderlich wurde. Die Bevölkerungszahl in Wiesbaden war seit dem Regierungsantritt von Fürst Friedrich August im Jahr 1803 enorm gestiegen:[1]

  • 1799: 2.500
  • 1805: 3.000
  • 1814: 4.000
  • 1840: 12.000
  • 1865: 26.177

Wichtig war also zunächst eine architektonische Ausstattung der Stadt, um Raum für die Wohnung der Beamten sowie Repräsentationsräume für den herzoglichen Hof zu schaffen. Noch 1848 wird jedoch die Lage des Wiesbadener Kulturbetriebs, insbesondere was die Bildenden Künste anbelangt, als ungünstig eingeschätzt. Wiesbaden scheint in dieser Zeit keine geeigneten Künstler gehabt zu haben, die erforderlichen Architekten kamen von außerhalb. Gleiches gilt für die Baudekoration.[2]

Ein Artikel der Freien Zeitung aus dem Jahr 1848, der sich mit einer staatlichen finanziellen Unterstützung für das Wiesbadener Theater beschäftigt, begrüßt diesen Vorstoß, sich kommunalpolitisch für eine Kulturstadt Wiesbaden zu engagieren mit der folgenden Begründung: „Unser Theater ist das einzige Kunstinstitut, das wir pflegen können; wir können nicht Museen bauen, großartige Kunstsammlungen anlegen, Gemäldegallerien schaffen.“[3] Zwei Jahre später schreibt dieselbe Zeitung über die Kunst im Herzogtum Nassau, das zwar in der Architektur großartige Werke hervorgebracht habe, in der Malerei aber nicht gerade glänzen könne, wenn auch in den vergangenen Jahren das Interesse daran gewachsen zu sein scheint. Der Autor dieses Artikels führt dies u.a. auf die Gründung und die Arbeit der „Gesellschaft von Freunden bildender Kunst im Herzogthum Nassau“ zurück.[4]

Günther Kleineberg vermerkt dazu:

„Obwohl mit der Gründung des Nassauischen Kunstvereins 1847 in der Landeshauptstadt auch Initiativen bürgerlicher Förderung von jungen Künstlern aus Nassau aufflammten, waren die Ergebnisse doch nur sehr bescheiden. Gerade aus der Tatsache, dass die Gesellschaft sich aus Personen zusammensetzte, die große Bedeutung für das Kulturleben im Herzogtum Nassau besaßen, hätte man eigentlich mehr erwarten können. Immerhin zählten zu den Gründern überwiegend Maler: Baum aus Biebrich, Beyer aus Idstein, v. Bracht in Wiesbaden, Dieffenbach aus Hadamar, Jakobi, de Laspée, Lotichius, Müller aus Rüdesheim, die Portmanns, Scheuer, Wittemann aus Geisenheim.“[5]

Dies scheint in Wesentlichen auf die schlechte Finanzlage des Kunstvereins zurückzuführen zu sein, die sich erst besserte, als der Herzog von Nassau das Protektorat übernahm und die Mitglieder des Herzoglichen Hauses dem Verein beitraten. Gleichzeitig wurde dem Verein ein Zuschuss von 300 Gulden im Jahr zugebilligt. [6]

Erst in den 1850er Jahren erlangte die Bildende Kunst den Stellenwert im Herzogtum Nassau, der ihr die benötigten Geldmittel verschaffte. Bereits vorher jedoch gelangte das Herzogtum in den Besitz von Kunstwerken, die erste Schritte zu einer Ausstellungstätigkeit ermöglichten.

2.    Gründung des Museums

Zum Zeitpunkt der Säkularisierung gab es in Wiesbaden kein Museum, das die Kunstgüter aus den Klöstern hätte aufnehmen können, nennenswerte fürstliche Privatsammlungen waren im nassauischen Bereich nicht vorhanden. So lag der Gedanke nahe, bei Gründung der Bibliothek 1813 auch über eine Museumsgründung nachzudenken.[7] Hundeshagen „legte das erste Fundament zu dem mit der Bibliothek verbundenen „Antiquarium“, dem späteren Museum für Nassauische Altertumskunde.“[8] Der Schwerpunkt lag zunächst auf den römischen Fundstücken, mittelalterliche und neuere Kunstgegenstände, so auch die Kunstwerke aus den Klöstern, waren von geringerem Interesse und damit der Zerstreuung und Vernichtung ausgesetzt.[9] Im Jahr 1814 wird der Wiesbadener Pfarrer Krämer als Sachverständiger für sämtliche Kunstgegenstände eingesetzt. Diesbezügliche Aufzeichnungen von Hundeshagen spiegeln die

„programmatische[n] Gedanken eines romantischen Museumsgeistes [wieder], der wirklich eine neue Epoche der Altertumskunde ankündigt: die Museen als Tempel der Vorzeit, als Heiligtümer eine neuen Menschheit, in einer Zeit, da die alten Heiligtümer im Namen der Kultur vom Staate eingezogen wurden.“[10]

Den wirklichen Grundstock des heutigen Landesmuseums Wiesbaden stellt das Kunstkabinett des Frankfurters Johann Isaak von Gerning dar, der seine Gemälde 1824 an den Nassauischen Staat verkaufte. Bereits am 20. August 1817 machte Geheimrat von Gerning dem Minister ein Angebot „eine vaterländische Gesellschaft für Altertum und Geschichte als ein nassauisches Museum für Kunst und Natur in Wiesbaden oder Biebrich zu gründen“[11]. Seine Sammlung sollte dazu den Grundstock bilden. Sie bestand aus den folgenden Abteilungen[12]:

  1. Gemälde, Handzeichnungen, Kupferstiche
  2. Altertümer („Antiken“) und sonstige Kunstgegenstände, wie Ausgrabungsstücke, Vasen, Bronzen, Majoliken
  3. Münzen
  4. Insekten und Schmetterlinge
  5. eine Bibliothek, darunter Pracht- und Kupferwerke

Die Sammlung – mit Ausnahme der Insekten und Schmetterlingssammlung – sollte dem nassauischen Staate für eine Leibrente von 2500 Gulden überlassen werden.[13]  Im Jahre 1824 erfolgt eine Inaugenscheinnahme der Sammlung in Frankfurt durch den Bibliothekar Weitzel, dessen Bericht die Sammlung als

„nicht anders als bedeutend und ihre Erwerbung wünschenswert erscheinen [lässt]. Es fehlt ihr allerdings an jener Vollständigkeit, daß sie auch nur in irgendeinem Teile ein Ganzes bildet; doch enthält sie schätzbare Beiträge, eine schöne Grundlage eines Museums, das sich bei einigen Mitteln erweitern und in einzelnen Teilen auch ergänzen läßt.“[14]

Die Übernahme der Sammlung gestaltete sich als schwierig, da Gerning die Sammlung im Wesentlichen aus Geldmangel abgeben musste. Teile der Sammlung waren verpfändet und kamen erst später nach Wiesbaden.[15] Insgesamt umfasste die Gerningsche Sammlung 156 Ölbilder, Handzeichnungen, ca. 6.000 Kupferstiche, griechische und römische Münzen, Gemmen, Kameen, Plastiken, römische und etruskische Vasen, Schalen und Gläser, sowie einige 100 Bände wertvoller Kupferwerke für die Bibliothek.[16] Neun Gemälde davon lassen sich noch bis 1967 im Museumsbestand nachweisen (siehe Anhang).

Die Sammlung Gerning ist seit dem 1. April 1825 der Öffentlichkeit zugänglich. Dieses Datum gilt somit als das Geburtsdatum für das um die Gemäldegalerie erweiterte Museum.[17]

„Für die Gemäldegalerie war die Gerningsche Sammlung mit ihrer Schein-Großartigkeit, ohne Konzentration, ohne Bescheidung auf besondere Gebiete gesammelt, eine Versuchung, der man in späterer Zeit nicht widerstanden hat. In den ersten Jahrzehnten begnügte man sich [jedoch] mit der Pracht eines fertigen Museums. Fast nichts wurde mehr dazugekauft.“ [18]

Stattdessen wurden unnötig, weil veraltet, erscheinende Kunstwerke durch Weitzel versetzt und gegen andere Kunstgegenstände eingetauscht.[19]

Es sind keine Inventare vorhanden, so dass die weitere Ankaufspolitik der Sammlung kaum nachvollzogen werden kann. Grundstock blieb jedoch die Sammlung von Gerning. Wichtige Erweiterung nach dem Wandel der „Herzoglichen“ Galerie in die „Königlich-Preußische“ Galerie waren die ersten 21 Dauerleihgaben aus den Berliner Museen im Jahre 1884, denen weitere folgten.[20]

in Kürze mehr über die Arbeit des NKV!

Anmerkungen

[1] Kleineberg, Günther: Skulptur, Malerei und Graphik im Herzogtum. In: Herzogtum Nassau 1806-1866, Katalog Museum, Wiesbaden 1981, S. 331-348, S. 336f.; die Zahlen für das gesamte Herzogtum : 1821: 361.787, 1865: 465.636

[2] Kleineberg, Günther: Skulptur, Malerei und Graphik im Herzogtum. In: Herzogtum Nassau 1806-1866, Katalog Museum, Wiesbaden 1981, S. 331-348, S. 331

[3] Freie Zeitung, No. 172, 31. August 1848

[4] Freie Zeitung, No. 149, 26. 06. 1850, S.2 und 3

[5] Kleineberg, Günther: Skulptur, Malerei und Graphik im Herzogtum. In: Herzogtum Nassau 1806-1866, Katalog Museum, Wiesbaden 1981, S. 331-348, S. 349f.

[6] Kleineberg, Günther: Skulptur, Malerei und Graphik im Herzogtum. In: Herzogtum Nassau 1806-1866, Katalog Museum, Wiesbaden 1981, S. 331-348, S. 349f.

[7] vgl. Götting, Franz; Leppla, Rupprecht: Geschichte der Nassauischen Landesbibliothek zu Wiesbaden und der mit ihr verbundenen Anstalten 1813-1914, Wiesbaden 1963, S. 171; 1813 wird die Bibliothek erstmals öffentlich zugänglich gemacht; sie erhält Namen und Rang einer Herzoglich Nassauischen Öffentlichen Bibliothek. 1813 gilt daher als das eigentliche Gründungsjahr der Hessischen Landesbibliothek. Acht Jahre später zieht die Bibliothek ins Erbprinzenpalais um; Geschichte der Bibliothek

[8] Götting, Franz; Leppla, Rupprecht: Geschichte der Nassauischen Landesbibliothek zu Wiesbaden und der mit ihr verbundenen Anstalten 1813-1914, Wiesbaden 1963, S. 173

[9] „Das Mittelalter einschließlich des Barocks war, sofern es sich um kirchliche Gebrauchsgegenstände handelte, noch in keiner Weise museumsreif.“ Götting, Franz; Leppla, Rupprecht: Geschichte der Nassauischen Landesbibliothek zu Wiesbaden und der mit ihr verbundenen Anstalten 1813-1914, Wiesbaden 1963, S. 173

[10] Götting, Franz; Leppla, Rupprecht: Geschichte der Nassauischen Landesbibliothek zu Wiesbaden und der mit ihr verbundenen Anstalten 1813-1914, Wiesbaden 1963, S. 175

[11] Götting, Franz; Leppla, Rupprecht: Geschichte der Nassauischen Landesbibliothek zu Wiesbaden und der mit ihr verbundenen Anstalten 1813-1914, Wiesbaden 1963, S. 177

[12] Götting, Franz; Leppla, Rupprecht: Geschichte der Nassauischen Landesbibliothek zu Wiesbaden und der mit ihr verbundenen Anstalten 1813-1914, Wiesbaden 1963, S. 183

[13] Götting, Franz; Leppla, Rupprecht: Geschichte der Nassauischen Landesbibliothek zu Wiesbaden und der mit ihr verbundenen Anstalten 1813-1914, Wiesbaden 1963, S. 184; Vorgeschlagen war, die Sammlung zusammen mit der Bibliothek öffentlich zugänglich zu machen, wobei Gernings Sammlung in dem „kleine Saal und den daran stoßenden hinteren Zimmern [aufgestellt würde], wodurch dann der ganze Stock des Schlösschens auf eine sehr schickliche Weise aufgefüllet und besetzt würde.“ ebd. S. 186

[14] Weitzels Bericht über Gernings Kunstsammlung vom 03.11.1824, in: Götting, Franz; Leppla, Rupprecht: Geschichte der Nassauischen Landesbibliothek zu Wiesbaden und der mit ihr verbundenen Anstalten 1813-1914, Wiesbaden 1963, S. 186; Weitzels Sekretär Zimmermann hat zu diesem Bericht ein Verzeichnis der Kunstgegenstände angelegt, das jedoch leider nicht mehr vorhanden ist, vgl. Götting, Franz; Leppla, Rupprecht: Geschichte der Nassauischen Landesbibliothek zu Wiesbaden und der mit ihr verbundenen Anstalten 1813-1914, Wiesbaden 1963, S. 192

[15] So waren beispielsweise 32 griechische und römische Münzen beim „Banquier Rothschild“ verpfändet. vgl. Götting, Franz; Leppla, Rupprecht: Geschichte der Nassauischen Landesbibliothek zu Wiesbaden und der mit ihr verbundenen Anstalten 1813-1914, Wiesbaden 1963, S. 189; Hinzu kam die Schwierigkeit, dass Gerning zu befürchten schien, sein Ruf könne an dieser Abtretung der Sammlung gegen eine Leibrente Schaden nehmen. Weitzel berichtet darüber in seinem Bericht an den Minister vom 10.12.1924: „Herr v. Gerning will den Ausdruck nicht gelten lassen, daß er sein Museum verkauft habe“  Götting, Franz; Leppla, Rupprecht: Geschichte der Nassauischen Landesbibliothek zu Wiesbaden und der mit ihr verbundenen Anstalten 1813-1914, Wiesbaden 1963, S. 189

[16] vgl. Götting, Franz; Leppla, Rupprecht: Geschichte der Nassauischen Landesbibliothek zu Wiesbaden und der mit ihr verbundenen Anstalten 1813-1914, Wiesbaden 1963, S. 191

[17] vgl. Götting, Franz; Leppla, Rupprecht: Geschichte der Nassauischen Landesbibliothek zu Wiesbaden und der mit ihr verbundenen Anstalten 1813-1914, Wiesbaden 1963, S. 192

[18] Götting, Franz; Leppla, Rupprecht: Geschichte der Nassauischen Landesbibliothek zu Wiesbaden und der mit ihr verbundenen Anstalten 1813-1914, Wiesbaden 1963, S. 192

[19] Eine generelle Genehmigung zu diesem Vorgehen erhält er vom Ministerium am 20.10.1825. vgl. Götting, Franz; Leppla, Rupprecht: Geschichte der Nassauischen Landesbibliothek zu Wiesbaden und der mit ihr verbundenen Anstalten 1813-1914, Wiesbaden 1963, S. 195

[20] vgl. Schmidt, Ulrich: Bürgerliche Kunstförderung in Wiesbaden. Zur Geschichte des Nassauischen Kunstvereins, in Nassauische Annalen, Bd. 84, Wiesbaden 1973, S. 151-169, S. 157

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